Sich auszudrücken heißt sich auszuziehen. Das Innere stülpt sich nach außen und das Ich dient als Quelle der Schöpfung. Einprägsame Kunst wurzelt in der Frage nach Identität; sie versucht, den Schöpfer und seine Schöpfung so stark miteinander zu verflechten, dass der Stil eines Künstlers so einzigartig wird wie der Künstler selbst. Ich kann mir Picassos Gesicht vorstellen; ich kann mir mein von Picasso gemaltes Gesicht vorstellen.
Nietzsche konstatierte, dass er von allem Geschriebenen „nur das mag, was jemand mit seinem Blut geschrieben hat“. Dieses grausame Bild der Selbstverbrennung von Schöpfung spiegelt sowohl die Bedeutung von Individualität als auch die Ablehnung des Philosophen gegenüber spirituellen Abstraktionen wider - er glaubte an alles Körperliche und an materielle Dinge - eine Haltung, die Oscar Wilde wie folgt zusammengefasst hat: „Diejenigen, die einen Unterschied zwischen Seele und Körper sehen, haben keines von beiden.“
In diesem Blut fließt Eisen aus dem Tod eines fernen Sterns - muss der Künstler im Weltraum oder im Atom nach Identität suchen; wie nah ist zu nah und wie weit entfernt ist zu weit entfernt, um Identität zu finden?
Zoome hinein in ein aufwirbelndes Erbe an Codes und du wirst deinen ursprünglichen Entwurf entdecken. Aber wenn DNA Identität bedeutet, müssten Zwillinge dasselbe untrennbare Eine miteinander teilen. Blickt man noch tiefer, wird es nicht einfacher, eine physikalische Definition der Identität zu finden: Wenn man Zellen als Bausteine eines Körpers betrachtet, wäre die Identität eine äußerst instabile Entität, die sich mit dem Entstehen und Absterben jeder Zelle verändert.
Ein komplexes Orchester an Drüsen und Hormonen dirigiert die Körpermaschine im Rhythmus des Atems zum Taktmesser des 24-Stunden-Rhythmus. Es erweitert Gefäße und schließt Klappen zu einer Komposition, die von einer Unendlichkeit an Reizen und Wahrnehmungen diktiert wird - die Erfahrung des Zuhörens zu dieser inneren Musik und die Variationen, die sich in dieser Harmonie des Lebens entfalten, nennt man Emotion. Emotionen sind die innerliche Wahrnehmung des körperlichen Rahmens. Unser Körpergefühl, das auf das Sehvermögen reagiert, dem Auslöser von Angst, der Antrieb zum Laufen, das alles sind Emotionen. Wenn man dem Körperorchester nicht innerlich zuhören würde, wäre die Wahrnehmung farblos: das Herz pumpt nicht, weil man Angst hat, der Ausdruck von Angst führt dazu, dass das Herz ein Konzert mit Adrenalin und allen Hormonen spielt, das vom Anblick eines Löwen dirigiert wird.
Emotionen sind keine übergreifende, unabhängige Einheit, sie wurzeln im Körperlichen und Materiellen. Als Tolstoi sagte, „Kunst ist dazu da, um Emotionen auszudrücken“, frage ich mich, ob er sich bewusst war, wie sehr die inneren Organe unsere Gefühle beeinflussen. Selbst die Persönlichkeit wird von dieser Beziehung geprägt: Neuere Studien zeigen eine enge Beziehung zwischen den Mikrobakterien, die wir mit uns tragen, und der Neigung zu Wut, Feindlichkeit und Niedergeschlagenheit; die Anwesenheit des Hormons Kortisol hängt mit Stress zusammen, niedrige Kortisol-Werte korrelieren mit Selbstdisziplin und Ehrgeiz, während eine langsame Herzfrequenz zu Furchtlosigkeit und Impulsivität führt.
Wenn man die Suche nach Individualität in der Persönlichkeit in die Verschiedenheit an Bakterien übersetzt, dann bleiben uns nur Erinnerungen und Erfahrungen, um ein Selbst zu bestimmen, das einer künstlerischen Bedeutung würdig ist. Diese sind jedoch auch nicht frei von Zuneigung und Gefühlen, jeder Prozessabschnitt holt ein Gefühl auf seine Seite und überlistet und manipuliert dabei das Gedächtnis. Ein Beispiel ist die Tendenz, die Helligkeit vergangener Erinnerungen zu verstärken, über ihre tatsächlich gelebte Erfahrung hinaus; damit wird uns eine Geschichte von uns selbst hinterlassen, die von einem Mechanismus neu geschrieben wird, der zu weit ist, um zurückverfolgt zu werden.
Chaos. Egal wo wir hinschauen, Identität ist eine unendliche Summe an Elementen, die sich meiner Kontrolle immer weiter entzieht. Jeder Abschnitt teilt sich auf in einen anderen relativen Abschnitt in einem zufälligen Prozess. Aber sieh in das Bild: Kein anderes Zusammenspiel an Umständen würde zu genau diesem Bild führen, es ist einzigartig - Einheit, über die Stelle hinaus, an der sie bricht, entlang der Kreuzung, bindet die Ewigkeit zum einem einzigen Punkt in der Zeit zusammen. Suche dort, vielleicht findest du ein Gesicht - es wird sagen: „Ich habe gelebt!“
- Artur Deus Dionisio
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