Du weißt vielleicht, dass ich Egon Schieles Werke sehr liebe. Ich war sprachlos, als ich dieses Aquarell fand – es ist so anders als das, was wir normalerweise als Schieles Stil erachten. Es überrascht nicht, dass dieses Werk im Jahr 1908 entstand, als der Künstler erst 18 Jahre alt war. Im selben Jahr lernte Schiele während seines Studiums an der Wiener Akademie der bildenden Künste endlich Gustav Klimt kennen, dessen Werke und Prinzipien ihn bereits stark inspiriert hatten. Dieses Ereignis war eine Art Erleuchtung für den jungen Mann, der dank der Lektionen seines Meisters für einige Zeit ein Gespür für Ornamentik und ein ausgeprägtes Bewusstsein für den negativen Raum bewahren würde.
Dieses Aquarell zeigt eine für Schieles frühe Werke charakteristische avantgardistische Komposition, in der die Figur im Raum zu hängen und vor dem Hintergrund des leeren Papiers leicht zu schweben scheint, was einen Zustand der Ruhe in einer Leere widerspiegelt. Dieses Werk befindet sich an der Schnittstelle der Einflüsse des Jugendstils und der aufkommenden Wende zum Expressionismus, einem Übergang, der ab 1910 vermehrt in Schieles Kunst erkennbar ist. Im Gegensatz zu seinen späteren Werken fehlt dem Gesicht des Modells die rohe und lebendige Körperlichkeit, die durch die charakteristische Marmorierung von Grün, Blau und Rot gekennzeichnet ist, die Schiele häufig zur Darstellung menschlicher Körper verwendete. Außerdem besitzt die Pose der Frau noch nicht die offenkundige Erotik, die viele seiner folgenden Werke auf Papier charakterisieren.
Nichtsdestotrotz weisen die ausdrucksvoll verzerrten Linien der Zeichnung auf den komplexeren und möglicherweise gequälten Stil hin, den Schiele im Laufe seiner Karriere immer weiter verfeinern würde. Dieses frühe Werk spiegelt daher nicht nur das Experimentieren des Künstlers mit Form und Raum wider, sondern lässt auch die markante Herangehensweise an den menschlichen Ausdruck und die Körpersprache erahnen, die sein Gesamtwerk prägen sollte.
1909, ein Jahr nachdem er dieses Werk vollendete, verließ Schiele die Akademie der bildenden Künste. Sein Abgang ermöglichte ihm eine größere Freiheit, sich seinen künstlerischen Erforschungen zu widmen und seinen ikonenhaften Stil durchzusetzen.
PS: Schieles Werke sind Teil unseres umwerfenden, goldenen Wiener Secession Wochenplaners. :) Er ist so gestaltet, dass er sich unabhängig der Jahreszeit an deinen Zeitplan anpasst.
PPS: Egon Schieles Kunst ist genauso faszinierend wie verstörend. Seine Werke grenzen an Erotik und Pathologie! Falls du bereit bist, mehr von seiner Kunst zu sehen, sieh dir folgende Artikel an.